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Loreleystraße 7 · 50677 Köln

Schreibwerkstatt

Lesung

1. Alltagswelten

Das erste Mal

 

Das erste Mal ferngesehen

1966 am zweiten Weihnachtstag bei den Großeltern

Die Schneekönigin in schwarz-weiß;

das zweite Mal, ein Jahr darauf

dieselbe Zeit, derselbe Ort

Peterchens Mondfahrt.

Das erste Mal im Kino gewesen

Das Dschungelbuch.

 

Das erste Mal eine Münze in einen Automaten geworfen

auf dem Drachenfels,

da bewegten sich in einem Glaskasten

lebensgroße Märchenfiguren

zu dem vorgelesenen Text.

 

Das erste Mal mit meiner Schwester

auf meinem blauen Roller den Hügel

von der Kirche runtergefahren,

die Bremse nicht gefunden

– lieb Schwesterlein saß genau davor –

die Fahrt wurde schneller.

Mein Vater sah von der Arbeit

im Vorgarten auf und rief etwas.

Die Schwester schrie und blieb sitzen;

ich landete im Graben und später

– mit einem Loch im Knie – beim Hausarzt.

Meine erste Narbe

und das letzte Mal,

dass mein Schwesterchen mit mir auf irgendwas gefahren ist.

 

Zum ersten Mal von zu Hause abgehauen

heimlich

hat außer mir niemand gemerkt

auf der langen Dorfhauptstraße

immer weiter gelaufen

zuerst ein Gefühl von Weite und Freiheit

dann keine Lust mehr gehabt

und reumütig wieder zurück.

 

Zum allerersten Mal in einer Gondel

über den Rhein gefahren

zusammen mit meinem Vater.

Eines der wenigen Male,

wo ich ihn ganz für mich alleine hatte

und mit niemandem teilen musste.

 

I. Henseler

 

Mein schönster Augenblick am Tag

ist das Frühstück, wie ich es mag

mit Müsli, Joghurt und Walnüssen

Ich nenne es Michelangelo

Kaffee und kalte Dusche

gegen etwas bleierne Gefühle

gähnen und strecken

Dann einmal richtig aufgewacht

kann der Tag kommen und gelingen

ora et labora et amora

So bin ich in der Welt

im Gebet des Alltags in meiner Mitte

im Geiste meiner neuen Errungenschaft

dass ich mich mit dem Guten beschäftige,

So scheint es ganz gut und gesund zu sein,

was ich an meinem Schlaf abmessen kann.

Von meinem bisherigen Wort muss ich

schweren Herzens weiter etwas Abstand nehmen

Im Dienst einer zunehmenden Ganzheitlichkeit.

 

So gibt es Tage, die tragen mich

wenn auch unter einer gewissen Kontrolle

Da bin ich zufrieden

und muss mich beschränken

nicht mehr zu verlangen.

 

Paul Kehren

 

 

Ein Krankenzimmer

 

ein Schrank

ein Tisch

ein Fenster

 

zwei Betten

zwei Stühle

ein Fenster

und Wolken

 

ein Hocker

ein Waschbecken

ein Fenster

und Wolken

die jagen davon

 

zwei Lampen

zwei Spiegel

ein Fenster

und Wolken

die jagen davon

die wollen zur Sonne

 

ein Papierkorb

eine Heizung

ein Fenster

und Wolken

die jagen davon

die wollen zur Sonne

die wollen davon

 

Annegrete Feckler

 

Sommerschnee

 

Meine Füße tragen mich,

doch sie seufzen unter der Last

Mein Herz stolpert immer wieder

Über die Steine der Unsicherheit.

Und dennoch hinterlasse ich Spuren,

ob ich will oder nicht.

Lebensträume verstecken sich in den Wolken.

Der Sommerschnee legt sich schwer

Auf die Pflanze des Selbstvertrauens.

Gern würde ich ihn beiseite schippen

Und MICH darunter  entdecken,

doch es fehlt mir an Werkzeug.

Ob ich mir von der Sonne einige Strahlen ausleihen kann?

Gleich morgen früh  werde ich sie fragen.

 

Mareike Rautenbach

 

Ich bin nicht nur dankbar

Ich bin nicht nur neidisch

 

Ich versuche meine Anteile zu integrieren

Ich weiß jeder Mensch ist gleich viel wert

 

Mir ist die Gerechtigkeit wichtig

Ich bin nicht nur kreativ

Ach, ich bin so vieles und so vieles nicht

 

Meine Ideale entsprechen nicht der Wirklichkeit

Es gilt, sie zu überprüfen

 

Oft hadere ich mit meinem Schicksal

Zerrissen betrachte ich die verbliebenen Traumfetzen.

 

Was wollte der Traum mir sagen?

 

Andrea Schumacher

 

 

 

Zug im Lebensbahnhof

 

Die Kraft

war da,

Wunder geschah.

 

Koffer,

schwer wie Blei

in Abstellkammer

 

ich stehe auf,

nehme den Zug

Richtung Heil!

Körper atmet

ein und aus,

frei.

 

Wunder als Wachsen

Reifen,

Wie eine Frucht!

 

Es bleibt genug Zeit,

um den Koffer auszupacken,

zu sortieren,

einzuordnen,

wegzuwerfen!

 

Kamran Djahangiri

 

 

Abendzeit

 

Der Tag ist vorbei

er ist gewesen

was bleibt sind die Erinnerungen

gute und schlechte

alle haben ihren Wert

ich lasse den Tag mit seinen Stationen an mir vorüberziehen

jede ist es wert angesehen und beachtet zu werden

jede hat ihren Sinn

jede hat eine Botschaft

welche von ihnen war die stärkste und eindrucksvollste

schwer zu sagen

ich denke

das Beet im Garten

ich habe es neu gestaltet

es war ganz einfach

wie ein Kunstwerk liegt es nun da

gestaltet aus Erde, Steinen, Pflanzen und roter Mulche

manchmal setzt sich ein kleiner Vogel auf einen Stein

dann ist er ein Teil des Beetes geworden

Wunder der Schöpfung

 

Elisabeth Masuhr

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