VI. Ecce Homo

Ecce Homo

„ Du wurdest Fleisch,
verletzlich, zerbrechlich, ausgeliefert –
rotes verwundbares Fleisch.
Du warst aus den gleichen Bausteinen gemacht wie wir,
mit unseren Trieben und Kräften,
mit unseren Abgründen und mit unseren Versuchungen.
Du hast dein Gott-Sein gelebt unter den Bedingungen unseres Mensch-Seins.
Du hast die Liebe gelebt,
mit aller Sanftmut und aller Strenge und sogar mit Härte.
Du warst den Kleinen und Verachteten ein Bruder
Und den Mächtigen ein Herr.
Aber Deine Wahrheit war nicht bequem und stellte ihre Autorität in Frage.
Deshalb wollten sie dich aus der Welt schaffen –
Und sie haben es doch nicht geschafft.

Auch heute versuchen wir Dich abzuschaffen –
Dich mit Deinem Reich Gottes,
das wir im Innersten ersehnen und doch die Wege dorthin fliehen.

„Fürwahr, Du bist unter der Last unserer Eitelkeit und Machtgier,
unserer Kälte und Gleichgültigkeit, unserer Treulosigkeit und Lieblosigkeit zusammengebrochen.

Du bist zerbrochen worden vor uns, für uns,
und so bist Du im Leben und Tod unser Bruder geworden,
der Bruder aller Menschen, die leiden.
Du bist das Folteropfer und die Frau mit dem verhungenrnden Kind im Arm.
Du bist der Rechtlose und Verfolgte.

Fürwahr, Du trugst unsere Krankheit und Schmerzen,
und durch deine Wunden sind wir nicht mehr allein,
und Heilung kann geschehen.

Du bist der Verachtete,
der, den ich verachte.
Ich verachte ihn, weil ich durch sein unansehnliches Äußeres,
seinen verkrüppelten Charakter und sein großspuriges Gehabe
seine innere Gestalt nicht erkennen kann.
Die innere Gestalt ist die Gestalt des leidenden Christus.

Fürwahr, er hatte keine Gestalt und Schönheit.
Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war so verachtet, daß man sein Angesicht vor ihm verbarg.
Darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.

Du erfuhrest die tiefsten Abgründe des Leids –
Angst, Schmerzen, Einsamkeit, Nacktheit, Demütigung, Verachtung, Versagen –
So wurdest Du uns allen gleich.
Sogar in unserer schrecklichsten Erfahrung, der Gottesferne,
ließest Du uns nicht allein.
Du mußtest auch diese erleiden.
Du warst der Allerverachtetste,
Du bist der von uns Verachtete.
Du bist in uns
Und Du bist in denen, die ganz unten sind, wo’s tiefer nicht mehr geht.