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- Jubiläumsheft [2004]
Himmelskomiker
„Himmelskomiker“, so nannte mein Vater die Priester und hatte es zeitlebens nicht mit ihnen.
„Gehst Du wieder zu den Himmelskomikern?“ war dann auch sein Kommentar, wenn ich als junges Mädchen sonntags zur Messe ging. Ich fand unseren Pfarrer und Kirche gar nicht so übel. Hier hatte ich meine Ferienfreizeiten verbracht, machte Jugendarbeit und hatte Freunde gefunden.
Ich glaube, es ist klar geworden, dass ich keine besonders katholische Erziehung genossen habe.
Gerade deswegen konnte ich mich für Kirche frei entscheiden und hatte dort ein Stück Heimat gefunden.
Das Leben meines Vaters war alles andere als komisch: Hunger und Angst in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in der Stadt. Scheidungskind, als das noch ganz was Schlimmes war, von Vater und Stiefvater hin- und hergeschubst, von einer herzlichen Nachbarin halb mit großgezogen, mit vierzehn in der Glasfabrik, später dann zusätzlich eine halbe Schicht im Straßenbau, damit die Kinder es einmal besser haben, mit Mitte dreißig schwer herzkrank.
Mein Vater hatte eine ganz eigene Art, mit Gott in Kontakt zu treten: Es war spürbar, wenn er sich vor der Nachtschicht an unseren Betten phantastische Geschichten ausdachte und erzählte, bis uns die Münder vor Staunen offen standen.
Es war spürbar, wenn morgens nach der Nachtschicht ein Weber-Cremeküchlein unter unseren Kopfkissen lag, das er für seine Essensmarken eingetauscht hatte. Es war spürbar, wenn er stundenlang mit vernachlässigten Nachbarskindern Fußball spielte.
Und es war spürbar, wenn er zur Freude meiner Mutter wieder einmal ein gefallenes Mädchen aus der Kneipe mit heim brachte, das betüddelt, beköstigt und einquartiert werden musste.
Mein Vater hat in seinem kurzen Leben kaum etwas ausgelassen, im Guten wie im Bösen.
An seinem Grab verschwieg der Pfarrer so manches gnädig, lobte anderes. Ein beredteres Zeugnis seiner Beliebtheit gaben die vierhundert Menschen ab, die zu seiner Beerdigung gekommen waren: Vorgesetzte, Kollegen, ganze Fußballmannschaften, Nachbarn, Familie, Freunde. „Tschüss, Manni“, schluchzte ein Groupie der Altherrenmannschaft und warf zum Entsetzen des Priesters einen FC-Wimpel ins Grab. Wir hatten alle Mühe, Marco, den kroatischen Wirt seiner Stammkneipe davon abzuhalten, ein Fässchen Kölsch auf den heruntergelassenen Sarg zu rollen.
Unser Pfarrer nahm es mit reichlich rheinischem Humor und fragte meine Mutter anschließend:
„Na, hät dä Himmelskomiker dat joot jemaat?“, was sie lachend bestätigte.
Das Grab meines Vaters liegt am Rande des kleinen Friedhofs, gleich über die Straße ist eine Kneipe.
Der liebe Gott wird es uns nicht übel nehmen, wenn wir alle mutmaßen, dass mein Vater sich eine heimliche Kölsch-Pipeline hat legen lassen, und die FC-Ergebnisse aus erster Hand zu den Radieschen geliefert bekommt.
M.K.
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