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Filmkritik 2
Der vorliegende Film gibt einen Einblick in die Arbeit der Seelsorge mit psychiatrieerfahrenen Menschen. Acht Betroffenene fahren zusammen mit einem Seelsorger und einer Bibliodra-maleiterin in die Eifel, um dort aus der Begegnung mit der Leidensgeschichte Jesu Christi Deutungshilfen für die Verwundungen und Verletzungen des eigenen Lebens zu finden.
Die filmische „Klammer“ der Dokumentation besteht in Bildern eines uralten Kreuzwegs, den die Teilnehmer/innen zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit gehen. Im Nachgehen der Stationen Jesu suchen sie nach Kraft für ihren eigenen Weg, der nicht selten auch Kreuzwegcharakter hat. Anschließend verarbeiten die Teilnehmenden im Gespräch, im Malen und Gestalten ihre Eindrücke des Gangs auf dem Kalvarienberg. Im Dunkel der eindrucksvollen Klosterkirche von St. Thomas bringen sie ihre Erfahrungen in einer Lichterprozession vor Gott: „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.“ Zentrale Erfahrung ist: wo Wunden, die das Leben geschlagen hat, sich „berühren“ und miteinander geteilt werden, dort entsteht Begegnung, aus der Lebenskraft wachsen kann.
Aus der biblischen Betrachtung, dass auch Jesus sich auf seinem Kreuzweg von Simon von Cyrene hat helfen lassen, erwächst für das eigene Leben die erleichternde Erkenntnis, dass – gegen den gesellschaftlichen Wahn, mit Problemen alleine zurecht kommen zu sollen – es menschlicher und heilsam ist, seine Bedürftigkeit offen zu legen und sich helfen zu lassen. Der Film zeigt, wie diese Erfahrung dadurch „verkörperlicht“ wird, dass der Betreffende sich von einem anderen Gruppenmitglied eine Runde um den Stuhlkreis der anderen Teilnehmer durch den Raum tragen lässt. Im nächsten Schritt gestaltet jede und jeder für sich ein Le-bensmandala. Dazu stehen die vielfältigsten schönen Materialien und je ein eigener Tisch zur Verfügung. Da liegen dann zerbrochene Tonscherben neben einem Blütenkranz, das brennende Teelicht neben geweinten Tränen, die Erinnerungsschatten des vergangenen Lebens neben den kleinen schönen Erfahrungen am Rande des Lebensweges heute. All dies wird hineingenommen in eine Liturgiefeier in der Kirche. Im Bereiten der neuen Osterkerze wird anschaulich: die Wunden Jesu berühren eine verwundete Welt.
Der Film dokumentiert exemplarisch, wie Seelsorge mit psychisch erkrankten Menschen ge-hen kann. Er stellt Seelsorge als Versuch der Lebensbegleitung und -deutung vor. Das ein-fühlsame Gespräch und die Gestalt des Ritus sind die zentralen Weisen, in denen Begleitung und Deutung geschieht. Die Riten der Lichterprozession oder des Bereitens der Osterkerze belegen anschaulich, wie im Ritus die eigene Existenz in Beziehung gesetzt wird zu Transzendenz, zu Gott. Trost wird so nicht nur als zwischenmenschliches Umeinander-Sorgen erfahren – was schon wichtig genug ist – sondern auch als Grundgefühl, von Gott auch mit Handicap angenommen zu sein. Der Einsatz der Gestaltpädagogik und kreativer Methoden belegt, mit welchem Methodenreichtum Seelsorge ihren Auftrag erfüllt. Insofern ist diese Dokumentation zum einen für den Raum der Seelsorge ein gelungenes Beispiel der Durchführung von Intensivtagen der Glaubens- und Lebensreflexion. Auch weit über die Zielgruppe psychisch erkrankter Menschen hinaus vermag dieses Beispiel Anregungen zu geben, wie seelsorgliche Prozesse mit Kleingruppen gestaltet werden können.
Die psychiatrieerfahrenen Frauen und Männer werden als Menschen vorgestellt, die zwar mit einem deutlichen biografischen Handicap leben müssen, aber deshalb keine reinen „Defizit-wesen“ sind, sondern in Offenheit und mit einer hohen Reflexionsfähigkeit ihr Leben und das der anderen Teilnehmer anschauen und ins Wort bringen können. Die ruhige filmische Um-setzung des Projektes mit vielen Passagen, in denen nur die Musik der Querflöte die Bilder trägt, machen den meditativen und nachdenklich stimmenden Charakter dieser Dokumentation aus.
Bezogen auf die Psychiatrieerfahrenen und das Feld der Sozialpsychiatrie liegt der große Wert dieser Dokumentation aber vor allem darin, den Partnern in der Sozialpsychiatrie, Me-dizinern, Psychotherapeutinnen, Sozialarbeitern und Pädagoginnen, Einblick in das eigene Handeln zu geben. Damit können zum einen manche Fantasien beruhigt werden, die bei Seelsorge eine Mischung aus religiöser Beschwörung und psychischer Destabilisierung be-fürchten, weil Seelsorge sich zu viel mit den Inhalten psychotischen Erlebens beschäftige. Zum anderen belegt der Film die Anschlussfähigkeit der Psychiatrieseelsorge an die anderen Professionen im Feld. Seelsorge legt offen, was sie wie tut und lädt die anderen ein, mit ihr in einen konstruktiven Dialog über die eigenen Verfahren und Wege einzutreten. Seelsorge wird nicht als Alternative zu medikamentöser oder psychotherapeutischer Behandlung vorgestellt, sondern als ergänzende Begleitung, die in der Lage ist, die menschliche Ressource der Religiosität als Lebenshilfe zu erschließen: „Seelenheil-Kunde“ als Ergänzung zur „Seelen-Heilkunde“ (R.G. Heyer). Die Einbezugnahme einer Bibliodramaleiterin in das Projekt steht für den interdisziplinären Ansatz von Psychiatrieseelsorge.
Abschließend lässt sich festhalten, dass diese sehr gelungene Dokumentation geeignet ist zum Einstieg in Gesprächs- und Gruppenprozesse nicht nur mit psychiatrieerfahrenen Men-schen oder auch Angehörigengruppen, sondern durchaus auch in Kreisen herkömmlicher Pfarrgemeinden, aber vor allem auch als Medium in Dialogrunden sozialpsychiatrischer Kräfte verschiedener Herkunft. Auch im Kontext des „Trialogs“ innerhalb von Psychoseseminaren wird der Film sehr gut platzierbar sein. Schließlich hofft der Rezensent mit Blick auf den innerkirchlichen Bereich, dass dieses gelungene Experiment auch andere ermutigt, offensiver mediale Umsetzungsformen zu nutzen, um gelungene Beispiele des seelsorglichen und pastoralen Handelns kirchlichen wie sozialpsychiatrischen Kreisen zugänglich zu machen.
Dr. Martin Pott
2. April 2005
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Der 25-minütige Film ist als VHS-Video oder DVD
kostenlos erhältlich bei:
- Seelsorge & Begegnung
für psychiatrieerfahrene Menschen
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Loreleystraße 7
50677 Köln
Tel. 0221 / 37 663 27,
Fax 0221 / 37 663 39
Mail seelsorge-und-begegnung@netcologne.de
Der Film kann auch bei der Medienzentrale des Erzbistums Köln ausgeliehen werden:
- Medienzentrale des Erzbistums Köln,
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www.medienzentrale-koeln.de
DVD · Wunden berühren Wunden
