DVD »Wunden berühren Wunden«

  • Im Kreuz ist Heil
    Im Kreuz ist Fluch
    Im Kreuz ist Segen

 

Filmkritik 1

Inhalt des Films

Ein alter Kreuzweg in der Eifel dient als Ausgangspunkt von Einkehrtagen psychiatrieerfah-rener Menschen. Sie gehen diesen Weg und verknüpfen diesen mit ihrer eigenen Krankheits- und Leidensgeschichte. Begleitet werden sie von Mitarbeiterinnen und dem Leiter der Ein-richtung „Seelsorge & Begegnung“ in Köln, einem Begegnungsort für psychiatrieerfahrene Menschen.

Kreuzestheologie im Kontext heutiger Pastoral

„Zum ersten Mal werden Wunden heilig genannt. Diese Wunden berühren eine verwundete Welt.“ Dies sagt Pfarrer Karl-Herrmann Büsch, einer der Begleiter der Einkehrtage für Men-schen mit psychischer Erkrankung. Und zwar sagt er dies beim Einstechen der Wachsnägel in die Osterkerze in der Liturgie am Ende der Einkehrtage, deren Prozess der Film begleitet. Diese beiden Sätze fassen den Kern der Botschaft des Films zusammen: Es geht um ein Ernst- und Annehmen der Realität des Leidens im Kreuzweg, gleichzeitig aber auch um das Licht der Osterkerze, um dieses „Mehr“ Gottes. Nach diesem „Mehr“ sehnen sich die Protagonisten des Films und sie erfahren es.
Die Relevanz dieses Films auch in anderen pastoralen Zusammenhängen besteht darin, dass Menschen mit dem Lebensgefühl im neuen Jahrtausend berührt und mitunter konfrontiert werden von der Realität des auch begrenzten, leidenden Lebens. Sie suchen nach Richtung und Ausrichtung des fragmentarisch erfahrenen Lebens. So gesehen kann man sagen: Die im Film zu sehenden Menschen stehen stellvertretend für die Suche des Menschen nach heilsamen Erfahrungen jenseits von Fitnesswahn und Depressionserfahrung. Moderne Rede vom Kreuz wird der Tatsache gerecht, dass Leben als das Hier und Jetzt zu betrachten ist, dass sie keine leeren Heilsversprechen macht, andererseits in der Solidarisierung mit dem verwundeten Gott, dieses „Mehr“ des Lebens schon erfahrbar ist. Der Film macht Geschmack darauf, selbst auf diese spannende Reise zu gehen.

Die Bedeutung des Kreuzweges für (psychisch kranke) Menschen

Kritisch könnte man angesichts psychisch kranker Menschen fragen: Wird da nicht der Finger in die Wunde gelegt, die vielleicht gerade mühsam durch Therapie geschlossen wurde? Wird da nicht religiös etwas überhöht, das ja gerade überwunden, geheilt werden soll?
Der Film zeigt, dass das Vorhaben zwar kühn, keinesfalls aber leichtsinnig, vielmehr außeror-dentlich hilfreich ist. Die im Film zu sehenden Menschen kommen dem Zuschauer nahe. Sie finden sich selbst, ihr Schicksal im Kreuzweg wieder, ja sie finden in Jesus einen Leidensge-nossen, mit dem sie sich anfreunden, weil er in seinem eigenen Leiden ihnen gleich ist, von dem sie aber auch wissen, dass er durch das Dunkel hindurch zum Licht gekommen ist.
Der Kreuzweg ist für psychiatrieerfahrene Menschen nicht Gedenken an den leidenden Jesus, sondern Leben mit dem verwundeten Christus. Jenseits aller Therapiekonzepte, aller schon gegangen und versuchten Wege zur Heilung setzt der gewählte Weg dort an, wo es darum geht, das „Leben im Fragment“ zu gestalten.
Es geht um einen „offenen Prozess“ (Büsch), darum, dass jeder „steht, wo er steht“ (Büsch). Der Betrachter spürt unmittelbar, dass das Gehen und Begleiten auf diesem Weg schon Erlö-sung und Auferstehung in sich birgt. Psychisch kranken Menschen geht es oftmals nicht mehr darum, geheilt zu werden, weil Heilung nach menschlichem Ermessen nicht zu erwarten ist. Sie suchen nach Sinn und Schönheit im Jetzt, nach Umgehen mit dem Sosein, nicht um Ori-entierung an einem normierten Heil- und Gesundsein. Die tiefe Akzeptanz des Soseins bewirkt Ruhe und Frieden, die Orientierung am „Ideal“ hingegen würde erneutes Leiden erzeugen.

Die Rolle von Seelsorge

Zunächst stellt man fest, dass die zwei Begleiterinnen und der Begleiter im Film kaum zu sehen sind. Sie sind aber präsent. Sie sind eine Art Pflug, der den Boden bereitet, damit die Saat durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesät werden kann. Gespräch, Gestaltung mit Legematerial, Malen, szenischer Ausdruck und Körperarbeit, das alles sind dabei die ver-schiedenen Böden, in denen die Saaten gelegt werden. Bereithalten und begleiten sind vielleicht zwei treffende Bezeichnungen für das, was die Begleiter tun.
Einmal sieht man eine Seelsorgerin, die hinter einer Teilnehmerin steht und ihr zart die Hand auf die Schulter legt, als sie tief berührt wird von „ihrer“ Kreuzwegstation. Ein anderes Mal sieht man, wie jemand sich in die Arme des Seelsorgers fallen lässt. Zurückhaltend und sensi-bel bewegen sich die Begleitenden im Strom des Erlebens und Deutens mit, geben an den Untiefen Halt und Sicherheit.
Im Film ist eine große Wertschätzung für die Persönlichkeiten der Teilnehmerinnen und Teil-nehmer zu spüren. Liegt es vielleicht daran, dass die Begleitenden ihrer eigenen Verwundbar-keit bewusst sind? Jedenfalls halten sie keine Rezepte parat, wie „Erlösung funktioniert“. Sie vertrauen und befördern die heilsamen Anteile in jeder einzelnen.

Ein Film für eine zeitgemäße Seelsorge, die das Wort verdient

Das Berührende des Films besteht darin, dass Leben als etwas Offenes betrachtet wird, in dem sich alles ereignen kann: Fluch und Segen, Kreuz und Erlösung. Die Weise der Deutung wird aber vom einzelnen bestimmt und nicht von einem scholastisch geschlossenen theologischen System in erfahrungsferner religiöser Sprache und Praxis. Die uralten Traditionen und Rituale der christlichen Religion werden geerdet im Kontakt mit der konkreten Kreuzerfahrung der Menschen und zugleich gehimmelt durch den vertieften, kontemplativen Umgang mit ihnen.
Kleine technische Holprigkeiten stören nicht den durchweg positiven Gesamteindruck des Films. Er ist – mit einer kleinen, sehr hilfreichen Arbeitshilfe ausgestattet – für alle sehr ge-eignet, die nach Anregungen suchen, wie eine Pastoral aussehen kann, die nah am Leben sein soll und Antwortversuchen Raum gibt, dabei diese still und sensibel aus der alten Glaubens-tradition heraus begleiten. Wer als Seelsorger nach einem Leitbild für die Seelsorge sucht, ob in Gemeinde oder in anderen pastoralen Zusammenhängen, für den kann der Film eine überaus hilfreiche Inspiration sein. Sie könnte auf diesem Hintergrund eine tiefe Form missionarischer Seelsorge sein.

Andreas Heek
17. März 2005

 

Bestellen

Der 25-minütige Film ist als VHS-Video oder DVD
kostenlos erhältlich bei:

  • Seelsorge & Begegnung
    für psychiatrieerfahrene Menschen
    PAULUSHAUS
    Loreleystraße 7
    50677 Köln
    Tel. 0221 / 37 663 27,
    Fax 0221 / 37 663 39
    Mail seelsorge-und-begegnung@netcologne.de

 

Der Film kann auch bei der Medienzentrale des Erzbistums Köln ausgeliehen werden: