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- Jubiläumsheft [2004]
Nacht - der zusammengekrümmte Mensch

Wichtige Menschen haben mich nicht gesehen und nicht gehört. Sie haben mich übersehen – lauter kluge und fromme Leute. Als sie die leisen Töne nicht hörten, wurde ich lauter. Als sie mich immer noch nicht wahrnahmen, begann ich zu schreien. Sie hielten sich die Ohren zu. Ich war ihnen zu laut, zu lästig, zu provokant, zu aufdringlich. Sie knallten ihre schönen Eichentüren vor mir zu. Ich lag auf ihren Stufen wie Lazarus und hungerte nach Brosamen, einem Blick, einem Wort des Interesses. Aber sie übersahen mich und stiegen über mich hinweg. Ich war eine Unperson.
Der Kampf ist nun vorbei. Der Schrei ist verhallt – ohne Echo. Das Gebet ist verstummt. Dunkle Nacht hüllt mich ein, tödliches Schweigen hüllt mich ein, tiefe Einsamkeit hüllt mich ein. Wart Ihr schon einmal im Moor? Kein Vogellaut, kein Insekt, kein Frosch, keine Schnecke, keine Bewegung, kein Laut, kein Leben. Das totale Schweigen. Der Mund, das Herz dieses Menschen – mein Mund, mein Herz – können nicht mehr beten. Das Gespräch mit Gott ist abgerissen, das Bild des liebenden Gottes zerstört. Das einzige Zeichen, das dieser zerstörte Glaube noch ließ, ist diese stumme Geste des Sich-Fügens in ein so großes unverstandenes Leiden.
