Der wichtigste Mensch in meinem Leben

Bild: Der wichtigste Mensch in meinem Leben

Nachdem mich alle aufgegeben hatten und ich nicht mehr leben wollte, sah ich dich zum ersten Mal. Du warst Pfarrer und besuchtest jemanden im Krankenhaus, in dem auch ich war. Du kamst auf einem Motorrad und musstest im Vorraum deine Motorradhose ausziehen. Ich beobachtete dich von weitem, aus einem sichereren Versteck heraus, das ich mir beizeiten gesucht hatte, denn ich wusste, dass du kommst – man hatte mir viel von dir erzählt. Etwas später begegnete ich dir ein zweites Mal. Ich war Begleitperson für denjenigen, den du im Krankenhaus besuchtest. Diesmal wollte er dich besuchen. Ich blieb im Vorraum sitzen und wartete. Im Traum hätte ich nicht daran gedacht, dich anzusprechen und dich kennen zu lernen, obwohl ich darauf brannte. Dann standest du plötzlich vor mir und sprachst: „Ich habe gehört, dass du einen Vater suchst. Ich bin einer. Ich habe zwar schon vier Kinder, aber eines passt noch dazu“. An diesem Tag kehrte Gott zu mir zurück. Und doch sollte mein Leben noch nicht beginnen. Nach einem halben Jahr der Irrfahrten, erinnerte ich mich an dich. Du warst der einzige Mensch, von dem ich mich verabschieden wollte. Dieses Mal sollte man mich nicht zurückholen können. Da standest du in weit aufgerissener Tür mit weit ausgebreiteten Armen: Ich kam zum ersten Mal in meinem Leben irgendwo an. Dieses Mal wollte ich bleiben. Jetzt lernte ich dich kennen, mein Vater auf Zeit, geliehen nur und doch wurdest du der wichtigste Mensch in meinem Leben. Du hattest keine Angst vor mir – ich durfte dich sogar berühren und dich umarmen. Immer, wenn du mit deiner Familie in Urlaub fuhrst, war es mir, als würdest du mir sterben. Wenn du dann wiederkamst, brauchte es lange, bis ich dich erkannte und du mir wieder vertraut warst. Bis ich eines Tages ein Grübchen in deinem Gesicht entdeckte, gleich neben der Nase. Wenn ich meine Lippen in dieses Grübchen drückte, konnte ich dich wieder spüren, dich wahrnehmen, warst du mir Vater und Mutter zugleich. Wie oft gabst du mir bei dir einen Platz zum Schlafen, wachtest über mir, wenn die Übelkeit mich übermannte. Wie oft weinte ich deine Hosen nass – mein Gesicht in deinen Schoß gedrückt – und hinterließ große Flecken. Aber du warst auch der, der stark genug war, mir Grenzen zu setzen. Du ließest nicht alles mit dir machen, konntest bisweilen auch störrisch sein wie ein Esel. Es dauerte lange, bis ich mit dir wieder versöhnt war. Wie es zwischen Vätern und Töchtern so ist, war ich natürlich Hals über Kopf in dich verliebt. Jedoch, was das Kind in mir durfte, als erwachsener Mensch war es mir nicht erlaubt und so habe ich auch viel an dir gelitten. Das vielleicht Schönste mit dir war, als ich mich abends wie ein kleines Kind auf deinen Schoß setzen durfte und du mit mir gebetet hast. Ich danke dir, dass es durch dich möglich war, ein Stück Kindheit und Vertrauen nachzuholen, um so auch in meiner Seele erwachsen zu werden.